Das “neue” Internet ruft, und wir folgen. Wer nicht dabei ist, kommt nicht mehr mit. Überall locken die Social Networks, Communities und Hyper Dynamic Content Pages.
Vorbei sind die Zeiten von Homepages bei beepworld und Co. wo sich mit einem Gästebuch und blinkenden Gif-Animationen Web-Design-Awards gewinnen ließen. Ohne ein vernünftiges Flash-Intro kommt man heute gar nicht mehr weiter.
Also beugen wir uns und melden uns zu Hauf bei Youtube, myspace, Lokalisten, xing, studivz, stayfriends und HiFive an, in der Hoffnung alte Schulkameraden, die man nie mochte oder neue Freunde, die man nicht kennt zu connecten, um Videos von wildfremden Leuten beim Tequila-Wettsaufen oder von Nachbars Katze bei der Jagd nach dem Leuchtpunkt des Laserpointers zu beobachten, zu kommentieren und zu bewerten.
Ranking als Hauptziel - Wird mein VideoClip öfter angesehen als andere, hab ich mehr unbekannte Freunde als dieser oder jener, stehe ich in der Skala heut noch weiter oben als gestern?
Die virtuelle Anerkennung gibt uns die Kraft, weiterzumachen. Und schon sind wir im erstbesten Browsergame angemeldet, sammeln XP (Erfahrungspunkte durch gewonnene Kämpfe), jagen nach Währungen wie LindenDollar, Kamas oder virtuellem Gold und kaufen davon Items wie Waffen, Rüstungen, Zaubersprüche und - mein Lieblingsitem - die “Herbeirufung der Geistlosen” - Fast könnte man das als Ironie betrachten.
Sind wir gemeint?
Nein. Das wäre zu dreist. Immerhin zahlt man gutes Geld für einen Premium-Account. Und auch für das Spielgeld. Ein Widerspruch in sich. Man kauft sich Geld.
Die Frage nach dem Sinn stellt man besser nicht. Ob es meinen Nachbar wohl beeindruckt, wenn er erfährt, dass ich über ein virtuelles Vermögen von 500.000 Goldmünzen verfüge? Da sieht er bestimmt mächtig alt aus in seinem realen Jaguar X-Type.
Auf die Frage nach dem Beruf antworten inzwischen so manche Dauergamer bereits mit “Zaubertruhenöffner”, “Diebstahlschützer” oder “Magieverlängerer”.
Einige würden sich sicher gern als Nationalität “Nachtelfirokese”, “Ork”, “Onlo” “Natla” oder “Taruner” in den Personalausweis eintragen lassen.
Sind wir in Gefahr, in eine Scheinwelt abzurutschen oder ist es nur für die Jugend, die noch nicht in Ihrer geistigen Entwicklung ausgereift ist, eine mögliche Quelle sozialer Desorientierung? Kann man zwischen Erwachsenen, angeblich verantwortungsvollen Individuen und Minderjährigen eine Grenze ziehen?
Sind wir weniger in Gefahr als unsere Kinder oder sind unsere Kinder uns gar überlegen, da sie mit dem neuen Internet groß werden, wogegen wir nicht einmal unterscheiden koennen, was im Web 2.0 die Grenze ist?
Das Internet als Grenzwerterfahrung. Und als Sammelstelle für jeden der glaubt seine Erfahrungen aus einer realen Welt in einer virtuellen Umgebung mit eigenen Gesetzen konstatieren zu können.
Zum scheitern verurteilt und dennoch auf Oberwasserkurs. Es gibt nichts, das man in der neuen Welt nicht behaupten könnte. Das Gegenteil kann niemand beweisen. Dank Web 2.0.
Heut bin ich A und kann dieses, morgen bin ich B und tue jenes. Niemand kennt mich, niemand erkennt mich.
Ich kann alles sein. Bodybuilder, Mediziner, Manager, Jurist, Student, Politiker und Model.
1-2-3 hab ich eine neue Identität und was kümmert mich mein Geschwätz von gestern. Aus Mann mach Frau, aus klug mach schlau - Heut bin ich grün und morgen blau.
Schalt den Rechner ein und dein Gehirn ab. Glaub was du liest oder traust du deinen Augen nicht? Stelle nicht in Frage was geschrieben steht - stelle deine Fragen dem, der es schreibt.
Sofern erlaubt …

